Die Reise in die Vergangenheit von Alfred Kühn – Kapitel 5

Mein Vater war jetzt 25 Jahre alt.

 

Die erste Grube, in die er einfuhr, war der Cuvelette-Schacht (Puits Cuvelette), wo er als Bergmann in der Nachtschicht eingeteilt wurde. Zur gleichen Zeit gab es in der Charente eine Art wichtige Veränderung. Mein Großvater Brangier hatte den Stadtrat verlassen und zog im November 1948 mit der ganzen Familie Brangier, mit meiner Mutter und mir nach Les Billaux, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Libourne, in der Gironde. Zu dieser Zeit war mein Vater weit entfernt von uns, da er im im Departement Moselle arbeitete. Im Dezember 1948 kam er zu uns nach Les Billaux die Familie konnte Weihnachten gemeinsam verbringen.

Bei dieser Gelegenheit Ende 1948, sah meine Mutter zum ersten Mal in ihrem Leben so viel Geld, das mein Vater auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Mein Vater war sehr stolz darauf, ihr den Lohn zu geben, den er in den wenigen Wochen mit der Arbeit in der Grube verdient hatte.

Nach diesen wenigen Urlaubstagen und gemeinsamen Feiern musste mein Vater wieder zurück zu seiner Arbeit in der Grube in der Moselle. Jetzt wollte er auch eine Wohnung für uns zu suchen. Bei einem Friseurbesuch, erzählte er seine Geschichte, dass er eine Frau und ein Kind in der Charente hat und dass er nach einer Wonung suche, in der die kleine Familie zusammenleben konnte. Daraufhin bot der Friseur ihm ein Zimmer in seinem Haus an.

Unmittelbar nach dem Kriegsende und der Befreiung von der deutschen Besatzung, hatten alle Franzosen, die von ihren Räumlichkeiten dazu in der Lage waren, die Pflicht, ein Zimmer oder ein Schlafzimmer freizugeben, um amerikanische Soldaten unterzubringen. Als die Amerikaner abgezogen waren, vermieteten viele Familien ein Zimmer an Arbeiter, um der Familie so ein kleines zusätzliches Einkommen zu ermöglichen. Diese Mieter bzw. Untermieter wurden « Kostgänger » genannt. Mein Vater willigte also ein und mietete das angebotene Zimmer von der Familie Oyda. Es befand sich in L’Hôpital in der Rue de St. Avold 89. Es ist das kleine Haus auf der linken Seite, das auf dieser Postkarte zu sehen ist.

 

Meine Mutter und ich kamen dort am 3. Februar 1949 an. 9 Tage nach unserer Ankunft im Departement Moselle, am 12. Februar 1949, habe ich als Kind laufen gelernt. Wir blieben 4 Monate in dem Zimmer, bis zum Mai 1949.

Da die Wohnsituation sehr beengt waren suchten meine Eltern nach einer größeren Unterkunft bei der Firma H.B.L., da diese den Grubenmitarbeitern kostenlose Werkswohnungen zur Verfügung stellte, die verständlicherweise sehr begehrt waren.

Ein Freund schlug meinem Vater vor, er solle in eine der von der Grube beheizten Frei-Baracken ziehen. Nach reiflicher Überlegung entschieden meine Eltern: “Es gibt andere Familien, die so untergebracht sind; warum nicht auch wir? »

Am 15. Mai 1949 kamen wir in dieser Baracke an.

 

 

Das Lager Barrois in Merlebach war ein ehemaliges deutsches Gefangenenlager.

Dies ist eine Baracke für zwei Familien.

Die Baracke war in der Mitte geteilt, auf jeder Seite befand sich ein Eingang. Die Einrichtung für jede Wohnung bestand aus einem Bett und einem Eisenschrank, einem Tisch und vier Stühlen. Meine Eltern kauften sich einen kleinen gusseisernen Ofen, dessen Ofenrohr durch das Oberlicht des Fensters geführt wurde.

Eines Tages wurden meine Eltern von den ehemaligen Besitzern des Hauses in L’ Hôpital besucht. Mein Vater und meine Mutter schämten sich, sie in unserer Baracke zu empfangen und ihnen zu zeigen, wie sie lebten. Daraufhin bot ihnen diese Familie an, ihnen eine Zweizimmerwohnung im selben Ort zu vermieten. Meine Eltern willigten sofort ein und so kehrten wir im Oktober/November 1949 nach l’Hôpital zurück, wo wir bis Dezember 1956 wohnen blieben.

Am 1. Mai 1951 kam auf der Entbindungsstation des Gruben-Krankenhauses in Creutzwald, ein kleines Mädchen zur Welt: meine Schwester Roseline.

Das erste Mal, dass meine Eltern mit uns beiden Kindern in den Südwesten Frankreichs fuhren, war in den Ferien im Juli 1951. Wir trafen uns in Carbon-Blanc in der Gironde, wo meine Großeltern im Februar/März 1950 ein kleines Weingut gekauft hatten.

Erste Ferien in Carbon-Blanc

Nach einem Unfall konnte mein Vater nicht mehr im Bergwerk unter Tage arbeiten und bekam eine Arbeit über Tage zugeteilt. Vom 26. März 1962 bis zum 1. April 1963 arbeitete er im Vouters-Schacht über Tage. Er beschickte die Grubenwagen mit Arbeitsgeräten und Material, das am Kopf der Stollen des Bergwerks gebraucht wurde.

Da der Lohn für die Arbeit niedriger als für die Arbeit unter Tage war, bat er darum, wieder im Bergwerk arbeiten zu dürfen. Auf seinen Wunsch hin wurde er als Hauer im Reumaux-Schacht eingesetzt.

Am 29. Dezember 1970 beendete mein Vater nach einer Betriebszugehörigkeit von über 21 Jahren seine Arbeit bei der H.B.L. Er hatte zuletzt als (Bure-Fahrer) Schtapelfahrer gearbeitet.

Ein (Bure) Schtapel ist ein Fahrstuhl in einem kurzen Schacht, der zwei Sohlen eines Bergwerks miteinander verbindet. Über den Fahrstuhl werden die Wagen zwischen zwei Stollen transportiert und das Arbeitsgerät zu den Bergleuten an den Stollenköpfen gebracht.

In den Jahren 1970/1971 wurde die Kohleförderung in Frankreich zurückgefahren und H.B.L. ermunterte die älteren Arbeiter, in den Ruhestand zu gehen, den jüngeren Arbeitern wurde eine Umschulung angeboten. Mein Vater war damals erst 48 Jahre alt und entschied sich nach 21 Berufsjahren für das Ausscheiden verbunden mit einer Abfindungsprämie und dem Bezug von Sachleistungen. Dabei ließ er sich von zwei Gründen leiten:

Der erste Grund war, dass meine Eltern zu ihrer Tochter Roseline und ihrem Schwiegersohn ziehen wollten. Die hatten 1969 im Departement Moselle geheiratet und wohnten in Carbon-Blanc bei Großmutter Hortense Brangier, die inzwischen dorthin gezogen war. Meine Eltern verließen 1971 die Cité des Chênes, ihr Wohnviertel in Hombourg-Haut bei Freyming-Merlebach, und zogen zur Familie ihrer Tochter und meiner Großmutter.

Der zweite Grund war, dass meinem Vater 8 Jahre Berufsjahre für seinen Rente fehhlten: nicht als Arbeitszeit angerechnet wurden ihm 2 Jahre in der Lehre, 2 Jahre in der deutschen Marine und 4 Jahre als Kriegsgefangener. Um diese 8 fehlenden Jahre auszugleichen, musste er mindestens 2 Jahre in eine deutsche Rentenkasse einzahlen. Genau das tat er dann. Er ließ meine Mutter mit meiner Schwester in Carbon-Blanc und ging zum Arbeiten nach Deutschland. Vom März 1971 bis März 1973 arbeitete er als Lagerist bei der Firma Michelin in Homburg, Saar.

In den Osterferien 1973 machten meine Eltern einige Tage Urlaub in la Mongie, in den Pyrenäen. Dort lernten sie eine deutsche Familie kennen, mit denen mein Vater eine Unterhaltung auf Deutsch begann. Der angesprochene Mann war der stellvertretende Leiter des Ford-Autowerkes in Bordeaux. Er veranlasste, dass mein Vater von Juli 1973 bis 1979 in dem Werk als Lagerarbeiter angestellt wurde.

 

Fortsetzung folgt in Kapitel 6…