Pause – Zeugnis des Sohnes eines deutschen Matrosen von der Z24

Source

http://pga-medoc.fr/volker-christoffel-2/

Volker Christoffel

20.12.2016

Sehr geehrte Frau Schwichtenberg, entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie überfalle: elektrisiert durch das Buch von Frau Scherf über ihren Vater, über das ich erst vor drei Tagen gestolpert bin, habe ich Ihren Namen und den von Herrn Büttner ausgemacht, die mir möglicherweise bei meiner Suche weiterhelfen können.

Mein Name ist Volker Christoffel, ich bin Biochemiker, 67, wohnhaft in Bayern zwischen Regensburg und Nürnberg, gebürtig im Saarland.

Das Schicksal meines Vaters hat Analogien zu dem von Wolfram Knöchel, weist aber auch deutliche Unterschiede auf. Mit meinem Vater habe ich nie über seine Militärzeit gesprochen. Es gibt keine Briefe. 30 Jahre nach seinem frühen Tod beginne ich als alter Mann seine Militär- und KG-Zeit zu recherchieren und rekonstruieren.

Die Auskunft der WAST war marginal, ergab aber immerhin einige Eckdaten, bei denen ich weiterbohren konnte. Dank Internet sind die Recherchemöglichkeiten heute gut und langsam werden Quellen aus dieser Zeit – meist von Privatleuten – erschlossen.

August 44
(mein Vater ist 23, letzter von 4 Söhnen, die alle in der Wehrmacht sind, die Mutter Witwe) Der Zerstörer meines Vaters muss trotz nicht behobener Schäden aus dem Hafen von Bordeaux auslaufen, weil die Wehrmacht im August Bordeaux räumt. Versenkung am 24. 8 44 unmittelbar vor der heute noch existierenden Reede von Le Verdon durch Bomber der Royal / R. Canadian Airforce (Foto der Kamera eines Kanadischen Bombers liegt mir vor). Zusammenfassung der Geretten zum „Battaillon Narvik“ (der Name ist begründet in der Historie von Z24 im Nord- und Polarmeer). Die Männer des Battl. Narvik sind im Gegensatz zu der bunt zusammengewürfelten Besatzung der Festung Gironde Süd tatsächlich äußerst kriegserfahren, das sie 4 Jahre lang täglich „im Feuer standen“ und technisch versiert sind. Das Battaillon sichert die Festung Gironde Süd an der gesamten Südflanke zur Gironde hin. Der Befehlsstand ist in St. Vivien. (Alle folgenden Daten sind aus dem Buch „L’occupation allemande en région Medoc“ von 2015 und weiteren franz. Quellen, die mir vorliegen.) Im April 45 widersetzt sich die sich selbst als Elite-Battaillon empfindende Truppe des B. Narvik als einzige dem Befehl des Festungskommandanten zur Übergabe und bekommt 3 Tage nach Royan die volle Ladung Napalm ab. Extrem große Verluste in den Bunkern. Am 20. 4. 1945 um 19:00 Uhr ergibt sich FK Birnbacher mit seinem Battaillon. Das Médoc ist befreit!

Die franz. Sanitäter machen massenweise Luftröhrenschnitte – ohne Erfolg- weil die deutschen Soldaten ersticken. Da man Napalm und seine Wirkung nicht kennt, vermuten die Ärzte eine pandemische Diphterie infolge Arzneimittelmangels wg der Belagerung. (Nb.: Der Kommandeur tritt später in die Bundesmarine ein und erhält bei seinem Ausscheiden als Konteradmiral wg. seiner Verdienste um dieses unser Land das Gr. Bundesverdienstkreuz a.B. Von den hunderten deutschen Marinesoldaten, die er im April 45 sinnlos geopfert hat weiß keiner mehr etwas …)

Ende April 1945
Liste der Kriegsgefangenen von Camps 184 = Soulac s.m. mit meinem Vater, ausgewiesen als Sergent, Stabskompanie, „Battl. Narvik“.
Ab hier keine Daten mehr.
Laut WAST Freilassung am 26. 12.1946.

Meine Schwester berichtet, das der Vater vom Minenräumen erzählt hat und von den extrem harten Bedingunen als franz. PG.

Mein älterer Cousin (nur wenig jünger als mein Vater) schilderte mir vor wenigen Wochen, dass der Vater in St. Avold (Metz/ Lothringen) entlassen worden sei.

Das kann durchaus möglich sein, das er verlegt wurde, denn mein Vater hatte vor seinem Eintritt in die Kriegsmarine gerade seine Ausbildung zum Vermessungstechniker bei den Saargruben abgeschlossen. Möglicherweise konnten die Franzosen ihn in den Gruben von St. Avold gewinnbringender einsetzen. Um St. Avold gab es insgesamt 4 camps des P.G. (No. 212) mit vermutlich über 10.000 Gefangenen.

Makaber dabei: St. Avold ist 10 km vom Geburtsort meines Vaters entfernt. Er hätte in 2 Stunden zu Fuß hinlaufen können. Die saarländischen und französischen Gruben sind unterirdisch miteinander verbunden. Ich habe noch erlebt, dass saarländische Bergleute in Merlebach = Frankreich einfuhren, weil die Strecke zu ihrem Kohleflöz so kürzer war. Später war mein Vater Vermessungsingenieur bei den Saarbergwerken und hat das gesamte westliche Saarland oberidisch und unterirdisch kartographisch erfasst, weil man den Verlauf und die Ergiebigkeit = Ausbeutefähigkeit der Flöze erfasst hat.

Ende Juni waren meine Frau und ich für eine Woche in Soulac + Umgebung, haben stundenlang die Eglise Notre Dame de la Fines de terres auf uns einwirken lassen, waren in Vertheuil in der Kirche, habe bei Guingette de la plage den Reihern zugeschaut und sind mit J.P. Lescorce durch die Bunker gekrochen. Vom heute überbauten, ehemaligen Lager hatte er keine Aufzeichnungen und Erinnerungen. Danach waren wir noch in Oléron und La Rochelle, wo das Schiff meines Vater viel operierte – und auch lange repariert wurde.

Über die Zeit auf dem Zerstörer Z24 weiß ich sehr gut Bescheid: das Kriegstagebuch von Z24 habe ich letzten Herbst im Bundesarchiv in Freiburg 3 Tage lang gelesen und wichtige Teile als Kopie vorliegen. Das KTB ist vollständig erhalten! Nur die letzten 9 Tage fehlen, da die Blätter mit dem Schiff unterging. (Das KTB wurde halbmonatlich geführt und lief durch alle Dienststellen hinauf bis zur OKH – und zurück! Dabei sind alle gestempelten Laufzettel zusammen mit den Halbmonatsberichten erhalten: „Hat vorgelegen!“ Das Berichtswesen hat trotz sehr großer Mängel beim Material auch 44 noch funktioniert!). Auch das KTB der 8. Zerstörerflottille (Biskaya) und des Marine Oberkommando (MOK) West, ausgerechnet in Wiesbaden befindlich, liegen vollständig vor und ermöglichen den Zugang zu einem umfassenden Bild der Lage!

Das Leben und Überleben auf dem Schiff ist furchtbar zu lesen. Personalmangel (wg. der Toten), Spritmangel, Munitionsmangel (Potjemkin lässt grüßen: statt Minen verlegt man mit Sand gefüllt Attrappen und hofft, dass Spione von der Küste aus oder die Luftaufklärer das Legen von Minensperren melden), keine Ersatzteile, da immer mehr Zulieferfabriken und Schienenwege in D. durch Luftangriffe zerstört werden , ständige Ausfälle der Technik, z.B. der Motoren; jedes mal wenn man in die Biskaya ausläuft, um Besatzungen von versenkten U-Booten aufzunehmen, erhält man Bombentreffer von den britischen Fliegern. Das Schrecklichste dabei: das KTB hat mein Vater geschrieben – er war der Schiffsschreiber und Sanitäter. An etlichen Stellen gibt es handschriftliche Verbesserungen oder erklärende Einschübe. So am Tag der Invasion der Alliierten in der Normandie, am 6.6.44: Man läuft überstürzt nach dem Eingang der Fernschreiber-Meldung der Landung aus dem Dock in Bordeaux aus, damit man bei Niedrigwasser über die flachen Stellen bei Pauillac kommt wie der Kapitän vermerkt, ist von der Hand meines Vaters nachgetragen: „Ich gebe der Mannschaft den Führerbefehl bekannt und die Lage.“ Die Detailliertheit des KTB ließ mich völlig eintauchen in die damalige Situation. (Ich war selber Offizier bei der Luftwaffe und kann viele der geschilderten Lagen in ihrer Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gut einschätzen. Übrigens beklagen sich die Schiffsführer bei ihren vorgesetzten Dienststellen in einer erstaunlichen Offenheit.)

Auch makaber: das Bombergeschwader 404 der Royal Canadian Air Force (RCAF) existiert noch heute! Auf seiner Webseite werden die Einsätze gegen die deutschen Kriegsschiffe im WWII genau beschrieben. Ich lese also die gleiche Situation von beiden Seiten: wie die Kanadier sie geplant und durchgeführt haben, welche Verluste sie hatten (sie hassten die Angriffe auf die insgesamt 4 Zerstörer der Flotille, weil die eine enorme Feuerkraft gegen Flugzeuge hatten und es jedesmal Verluste bei den Flugzeugen gab. Ich lese, wie die Flugzeugangriffe auf dem Schiff erlebt werden, welche Schäden sie anrichten (z.T. mit Fotos im KTB belegt) und wie meist notdürftig repariert wird. Das Schiff hat in der Praxis nie seine eigentliche „Leistungsfähigkeit“ die auf dem Papier steht. 70 Jahre später lese ich geradezu surreal viele Details. Und auf beiden Seiten das Gefühl der Angst, wenn man wieder raus muss und jedesmal weiß, dass dieses Mal das letzte Mal sein kann. Perfide und abgefeimt, wenn man den Führerbefehl vom 7. Dezember 1944 liest, dass ein Truppenführer zurücktreten muss, wenn er glaubt, die Truppe nicht mehr führen zu können, weil der die Lage für aussichtslos hält. Es wird geregelt, wie er das zu tun hat – im Endeffekt bedeutet das den Zwang, das Kommando einem rücksichtsloseren Menschen anzuvertrauen. Gespenstisch, wenn ein Dreisterne-Admiral (Frisius), Kommandant des Abschnitts Ärmelkanal, in einem Brief seinen Vorgesetzten anfleht, seine Frau und seine Kinder zu grüßen, weil er glaubt, dass es für ihn vorbei ist und er nicht mehr zurückkommt. Man spürt die ganze Verzweiflung, die 1944 auch bei den Offizieren geherrscht hat, da ALLE wussten, dass es keine Chance mehr gab. Das alles an originalen Dokumenten. Noch nie war Geschichte so authentisch für mich wie in diesen Tagen im Bundesarchiv.

Mit der Umwandlung zum Battaillon Narvik bricht der Informationsfluss jäh ab. Zu der Gefangenschaft in Soulac = camp no. 184, ist mir nur die handgeschriebene Namensliste der Stabskompanie bekannt, auf der sich der Name meines Vaters befindet (hat mir Herr Marwedel besorgt.) Nach all dem Geschriebenen: Ich suche dringend nach Informationen:

1. Über das Bataillon Narvik in der Girondefestung Süd, Wo lag es, was tat es? Wo kann ich Informationen finden, Wer weiß noch etwas darüber?

2. Über das P.G.-Lager Soulac 184 und damit verbunden über mögliche Informationen über die Verwendung / den Einsatz meines Vaters als Kriegsgefangener.
Habe Sie eine Idee, in welchen Archiven ich suchen könnte?

An welche noch lebende Personen könnte ich mich wenden, Personen, die sich möglicherweise noch erinnern könnten?

Adressen und Namen von Archivaren?
(Als „Saarfranzose“ sprach ich mal leidlich Französisch, das aber berufsbedingt weitgehend durch die moderne lingua franca verdrängt wurde. Lesen geht aber noch gut.)

Sehr geehrte Frau Schwichtenberg, ich danke Ihnen, falls Sie bis hierhin durchgehalten haben.
Über JEDE Rückmeldung bin ich hocherfreut.

Es steht schon fest, dass ich im Sommer 17 wieder in das Médoc muss.

Mit freundlichen Grüßen
Volker Christoffel

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