Erinnerungen an den Krieg eines Matrosen – Fünftes Kapitel

Damit war Wilhelm Küllertz wie seine Kameraden ungewollt zu einem Landsoldaten geworden.

Größtenteils blieb die Festung von Kampfhandlungen verschont. Allerdings stellten gezielte Angriffe der FFI ein großes Problem dar. Die FFI-Kämpfer waren nicht als solches zu erkennen, da sie keine Uniform trugen und laut Schilderungen ihre Aktionen hinterhältig wie Partisanen durchführten. Jede Zivilperson hätte dementsprechend also ein FFI-Kämpfer sein können von dem potentielle Gefahr ausgeht. Angriffe der FFI waren extrem gefürchtet.

Das zweite große Problem in der Festung war die unzureichende Versorgung der

Truppen mit Lebensmitteln. Manchmal gab es jedoch Mittel und Wege die

Versorgungslage zu verbessern: Überliefert ist, dass in einer Nacht- und Nebelaktion mit vereinten Kräften eine Kuh aus dem Vorfeld zu Schlachtzwecken organisiert wurde.

So zog sich das Festungsdasein bis Mitte April 1945, als die französischen Befreiungstruppen unter Oberst Milleret die Festung stürmten. Plötzlich ging alles sehr schnell und jeder Tag war durch dauernde Kampfhandlungen gezeichnet.

Die französischen Bodentruppen erhielten Unterstützung durch US-amerikanische Bomberverbände. Dabei kam es erstmals zum massiven und flächendeckenden Einsatz von Napalm, um die Reste der deutschen Verteidiger flächendeckend auszulöschen und damit zu vernichten.

Formelle Benachrichtigung einer Dienststelle über den Verbleib des Soldaten an der Front .- oben der Briefumschlag, unten der Inhalt (aus Privatbesitz)

Während dieser Angriffswellen wurde Wilhelm Küllertz in der Nähe von St. Vivien in einen Nahkampf mit einem dunkelhäutigen Befreiungssoldaten verwickelt. In diesem Kampf – Mann gegen Mann – wollte ihn dieser Gegner mit dem aufgepflanzten Seitengewehr erstechen. Der Angriff konnte durch eine

Reflexbewegung abgewehrt werden. Anstelle größeren Unheils gelang die Flucht. Lediglich eine bleibende Narbe am Ringfinger erinnerte ihn täglich an diesen für ihn glimpflich ausgegangenen Zwischenfall. Gemäß WAST-Auskunft geriet er am 19.04.1945 bei Le Verdon in Kriegsgefangenschaft.

WAST bedeutet Wehrmachtsauskunftsstelle, die als offizielle Bundesagentur in Berlin die Geschichte der Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit Dokumenten und Berichten aller Art untersucht.

Das erste Lebenszeichen von Oktober 1945 aus der Kriegsgefangenschaft

als PG im Lager 184 Soulac – Vorder- und Rückseite (aus Privatbesitz)

Eine zweite Karte nach einem weiteren halben Jahr der Ungewissheit

– Vorder- und Rückseite (aus Privatbesitz)

Zunächst verbrachte er etwa das erste Jahr seiner Kriegsgefangenenzeit im PGDepot 184 in Soulac. Zu seinen Aufgaben dort gehörten u. a. Rodungs- und Waldaufräumarbeiten, der Bau von Hölzhäusern und anderen Gebäuden sowie das Suchen und Entschärfen von Minen. Laut seinen Angaben gab es dabei die moisten Verletzten und Toten. Seinen Schilderungen nach kamen oft nur 8 von 10 Personen eines Minenräumtrupps nachmittags wieder zurück in das Lager. Unfälle mit Toten gab es häufig bei den Minensuchern. Er hatte Glück und blieb unfallfrei. Ebenfalls berichtete er von der schlimmen Versorgungslage mit Lebensmitteln. Seinen Aussagen nach musste das Bewachungspersonal (zumeist französische Kolonialsoldaten) fast täglich vor dem Morgenappell die Leichen der während der Nacht verstorbenen Kameraden raustragen. Sie waren entweder aus Mangel an Ernährung oder an den Folgen der im Lager herrschenden Infektionskrankheiten gestorben. Die hygienischen Bedingungen im Lager waren extrem schlecht, -gepaart mit Hunger und Entbehrung ein guter Nährboden für den Tod.

Kaum zu glauben: Wilhelm Küllertz als Kriegsgefangener. Sichtlich abgemagert und regelrecht entstellt, wahrscheinlich durch Unterernährung und körperlicher Auszehrung (Quelle: Familie Fauré-Roux).

Doch das Schicksal sollte es gut mit ihm meinen. Er hatte Glück und konnte das Lager verlassen. Fortan diente er als Arbeitskraft auf dem Hof des Weinbauern Albert Fauré-Roux in St. Gaux bei St. Germain d’Estuil. Seine Aufgaben dort waren vielfältig: Er kümmerte sich um das Vieh, arbeitete auf den Weinfeldern und erledigte alle anfallenden Arbeiten. Obwohl er ein PG war dauerte es nicht lange, und er gehörte quasi mit zur Familie. Sein Patron Albert Fauré-Roux hatte es nach dem ersten Weltkrieg andersherum erfahren, er war (lt. Aussagen seiner noch lebenden Schwiegertochter) als französischer Kriegsgefangener bei einem deutschen Bauern, daher wusste er wahrscheinlich wie wichtig es ist ordentlich miteinander umzugehen.

Wilhelm Küllertz genoss viele Freiheiten auf dem Hof. So bekam er regelmäßig Taschengeld um z. B. am Sonntag im Dorf beim Frühschoppen ein Bier trinken zu können. Sein Patron meinte es oft gut mit ihm. Regelmäßig hat er ein paar Flaschen Wein von ihm bekommen. Dabei sagte er immer den Roten solle er für sich behalten und selber trinken, das wäre gut für seine Gesundheit. Den Weißwein solle er lieber irgendwo gegen Zigaretten tauschen, er mache sowieso nur zittrige Finger.

Viele dieser uralten überlieferten Erfahrungswerte wurden so an den PG weitergegeben. Der Patron kannte sich eben aus auf seinem Gebiet. Ebenso ist überliefert dass sich die Arbeit auf den Weinfeldern nach den Gestirnen richtete und dass z. B. bei Vollmond keine Arbeiten auf den Weinfeldern wie Reben schneiden oder ähnliches verrichtet wurden. Kurzum, der Patron und sein PG haben wechselseitig voneinander profitiert.

Da die Eltern von Albert auf Dauer nicht mit einem PG unter einem Dach lebenwollten, musste ein neues Wohngebäude errichtet werden. Dieses Haus hat Wilhelm Küllertz entsprechend zwangsläufig mitgebaut. Auch bei der Errichtung eines Erweiterungsbaues des neuen Hauses war er beteiligt. Dafür hatte er im Altbau, auf der anderen Straßenseite eine eigene Kammer für sich, die heute noch als Büro genutzt wird.

Anstelle fließenden Wassers hatte er am Altbau einen Brunnen direkt im Hof vor dem Haus.

Das alte Wohnaus des landwirtschaftlichen Anwesen in St. Gaux, im Sommer 2018.

Der PG war in einer Dachkammer untergebracht (aus Privatbesitz).

Der alte Brunnen im Hof existiert noch immer, heute nicht mehr in Betrieb (aus Privatbesitz)

In dieser Dachkammer war der PG untergebracht, Heute dient der Raum als Büro. Auf dem Foto zu sehen ist Mme. Claudie Fauré-Roux, Schwiegertochter von Patron Albert (aus Privatbesitz)

Eine dicke Freundschaft bestand auch zwischen Wilhelm Küllertz und Denis Fauré-Roux, dem Sohn von Albert, geboren 1944. Zwischen beiden entwickelte sich eine innige Beziehung und das kleine Kind von damals empfand den PG als einen großen starken Bruder. Denis verstarb im Jahre 2010 im Alter von nur 66 Jahren. Über all die Jahre hatte er von seinem großen Freund Willi geschwärmt. Seiner Familie gegenüber hat Denis oft und gerne von seiner Zeit mit ihm erzählt, und seine Familie wiederum kennt deshalb diese Geschichte und so manche überlieferte Erzählung dieser Freundschaft sehr genau. In den ersten Jahren nach seiner Heimkehr bestand noch ein beiderseitiger Briefverkehr, der den Kontakt aufrechterhielt. Dieser Kontakt kam aber im Laufe der Zeit zum Erliegen. Die Gründe dafür sind bis heute nicht bekannt. Man war dann über die Jahre davon ausgegangen Wilhelm Küllertz würde nicht mehr leben, da er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Doch es war alles ganz anders. Er blieb also bis fast Ende 1948 Kriegsgefangener auf dem Hof und war erst Weihnachten 1948 wieder zu Hause in Deutschland. Als gerade mal 17-jähriger Junge hatte er damals sein Elternhaus verlassen als er in den Krieg zog. So hatte er quasi seit über 6 Jahren fernab seiner Heimat die schönsten Jahre seiner Jugend in Krieg und Kriegsgefangenschaft verbracht. Welch schlimme Vorstellung!

Brief vom 11.12.1948 nach seiner Ankunft zu Hause – Vorderseite (Quelle: Familie Fauré-Roux)

Brief vom 11.12.1948 nach seiner Ankunft zu Hause – Rückseite (Quelle: Familie Fauré-Roux)

Brief vom 10.07.1949 – Vorderseite (Quelle: Familie Fauré-Roux)

Brief vom 10.07.1949 – Rückseite (Quelle: Familie Fauré-Roux)

Denis Fauré-Roux, das einzige Kind von Albert und seiner Frau (Quelle: Familie Fauré-Roux)

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